Thema, Ausland

Weiße Weste mit rotem Zeichen? Sind das die Ärzte ohne Grenzen? 

23. April 2024
Medizinische und humanitäre Krisen im Tschad, Sudan und der ganzen Welt – wer nimmt sich dessen an?
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von Nahuel Vivas

Der Arzt spielte in den Konzeptionen von Hilfe, die damals galten, keine Rolle. Vorrang hatten vielmehr ökonomische und soziale Ziele, eine schnelle Modernisierung, die Beziehungen zwischen Staaten. Krankheiten waren vor allem Zeichen des politischen Scheiterns, ein politisches Symptom also, dessen Ursachen behandelt werden mussten, aber nicht ein Problem an sich. Medizinische Hilfe, das war etwas für Missionare, während ernsthafte Menschen sich dem Fortschritt widmeten. 

  • Rony Braumann, langjähriger Präsident von Ärzte ohne Grenzen in Frankreich


Gegründet als Medecins sans frontières, beginnend in Frankreich im Jahr 1971 als Gruppe von Ärzt:innen und Journalist:innen, die auf die Misslage der Menschen im nigerianischen Bürgerkrieg aufmerksam machen wollten, sind die Ärzte ohne Grenzen mittlerweile eine humanitäre und weltweite Nothilfsorganisation, die in über 70 Ländern tätig ist und Menschen in Krisengebieten medizinisch versorgt. Unter dem Begriff “Krisengebiet” werden Gebiete oder Länder zusammengefasst, in denen Kriege, Naturkatastrophen oder Epidemien wüten und infolge dessen das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist und die Menschen Hilfe benötigen. 
 

Das Team besteht mittlerweile aus ca. 35.000 Mitgliedern aus der ganzen Welt und ist im Aufgabenbereich breit gefächert: Es sind Spezialist:innen in verschiedenen Bereichen vorzufinden und nicht nur im Medizinischen. Es engagieren sich unter anderem Ärzt:innen, Pfleger:innen, aber auch Psycholog:innen oder Mechaniker:innen! 

Die Prinzipien von Ärzte ohne Grenzen sind die Unparteilichkeit, die Neutralität und die Unabhängigkeit.  

Was versteht man darunter?

Unparteilichkeit – Jeder Mensch in akuter Not hat das Recht auf eine medizinische Versorgung, ungeachtet der ethnischen Herkunft, des Geschlechts oder der politischen und religiösen Orientierung. Das ist oft der Grund, warum Ärzte ohne Grenzen in vielen Ländern helfen darf.  

Neutralität – In Kriegsgebieten wird keine Stellung bezogen. Man konzentriert sich auf die medizinische Versorgung des Menschen und somit werden auch verfeindete Gruppen in akuter Not medizinisch versorgt. Deswegen wird die Neutralität in allen Gebieten kommuniziert. 

UnabhängigkeitÄrzte ohne Grenzen finanziert die Einsätze durch Privatspenden, um von politischen, militärischen, sowie anderen Institutionen befreit zu sein. Sie agieren eigenständig und sie entscheiden selbst, wo der nächste Einsatz stattfinden wird, ohne von anderen Akteur:innen beeinflusst zu werden. 

Aufgrund der drei genannten Prinzipien ist es Ärzte ohne Grenzen möglich, sich in Gebiete zu begeben, in welche andere Organisationen nicht hindürfen. Dies setzt außerdem auch klare Kommunikation mit beteiligten politischen Gruppen oder Präsident:innen voraus. Die weiße Weste mit dem roten Logo und der Aufschrift „Medecins sans frontières” setzt ein klares Zeichen und bietet den Mitarbeitenden auch einen gewissen Schutz. Transparenz bezüglich verschiedener Informationen und Geldern ist bei Ärzte ohne Grenzen gegeben. Es ist öffentlich bekannt, dass 98% der Spenden Privatspenden sind. Zur direkten Finanzierung von Operationen und medizinischen Gütern werden 80% des Geldes verwendet.  

 Ein weiterer Aufgabenbereich der Ärzte ohne Grenzen ist die Témoignage. Témoinage bedeutet “Zeugnis lassen”. Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen fungieren als Sprachrohr der Menschen. Es ist wichtig, Bewusstsein für Notlagen in Krisengebieten zu schaffen, vor allem wenn Menschenrechte stark verletzt werden, die medizinische Versorgung aktiv verwehrt wird oder Gewalt gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen stattfindet.   

Was kann man machen, wenn man unbedingt helfen möchte, aber selbst noch keine gefragte Ausbildung hat und nicht vor Ort helfen kann?  

Kein Problem, denn bei Ärzte ohne Grenzen gibt es auch die Möglichkeit als Teil des Infoteams, als sogenannte Städtecampaigner:innen oder Reisecampaigner:innen zu arbeiten.  

Ich habe im Sommer 2023 in der  Städtekampagne Wien, geleitet von Emil Wendel, bei Ärzte ohne Grenzen gearbeitet. Das Team in Wien besteht aus sehr engagierten und dynamischen Menschen, die bei jedem Wetter, egal ob starker Regen oder praller Sonne bei über 30 Grad, auf die Straße oder von Tür zu Tür gehen. Die Aufgabe ist es, Menschen über Ärzte ohne Grenzen und deren Arbeit zu informieren und Spenden zu sammeln. Dieser Job ist auf jeden Fall ein Job mit Sinn, sowohl um im Sommer etwas zu verdienen, aber mit dem Hauptziel, Menschen auf der ganzen Welt zu unterstützen.   

Mein Tag hat um 9 Uhr vor dem Büro von Ärzte ohne Grenzen in der Taborstraße begonnen. Dort hat sich jeden Morgen von Dienstag bis Freitag das Team versammelt, um daraufhin bei der Morgenbesprechung neue Inputs und Informationen über Ärzte ohne Grenzen zu erhalten. Danach ging es ans Eingemachte. Während ein Teil des Teams von Tür zu Tür gegangen ist, fuhr der andere Teil mit dem Ärzte ohne GrenzenZelt  jeden Tag an einen größeren Platz in Wien. Dort haben wir uns vor Ort unsere Shirts angezogen und sind mit einem motivierten “Hey! Kennst du uns schon? Die Ärzte ohne Grenzen?” auf alle Menschen zugegangen. Ziel ist es, viele Menschen von der Arbeit der Organisation zu überzeugen und zum Nachdenken zu bringen. Der Teamgeist ist berauschend, genau wie die Tatsache, dass man jeden Tag rausgeht, um so viele Leute zu informieren und zum Spenden zu bewegen, wie nur möglich.  

Klarerweise war nicht jeder Tag ein Zuckerschlecken. An einigen Tagen haben mich mehr Leute ignoriert als mit mir zu sprechen und wiederum an anderen Tagen liefen die Gespräche einfach nicht so gut. Das ganze Team steht hinter dir und unterstützt dich auch in solchen Momenten. Kurze Pause und ein aufbauendes Gespräch mit Kolleg:innen und schon geht man mit neuer Motivation weiter. Man freut sich über jedes gute Gespräch und über jede Spende, die an Ärzte ohne Grenzen geht. Man weiß, was jede Spende bewirken kann und man arbeitet mit einem umso besseren Gefühl und mehr Motivation weiter. Die Arbeit ist super abwechslungsreich und an keinem Tag wird es langweilig. Man hat täglich mit Personen Gespräche, die man nie vergessen wird. Durch das Informieren über sensible Themen und Krisen bringt man im Gespräch manchmal Leute auf der Straße dazu, sich zu öffnen, sodass sie über ihre eigenen Erfahrungen im Leben und über Krankheit sprechen. Kein Mensch, den man auf der Straße sieht, ist ein leeres Blatt Papier. Jede Person hat ein eigenes Leben, mit eigenen Erfahrungen und Meinungen und das vergisst man im Alltag sehr oft. Die pure Menschlichkeit, die ich von Tag zu Tag mitbekommen habe, ist eine der Sachen, die ich im Sommer mehr wertschätzen gelernt habe. Am Ende jeden Tages bin ich recht müde, aber glücklich eingeschlafen und habe mich schon auf den nächsten Tag gefreut. Es ist nämlich auch ein Job mit Sinn! 

Aber wo kommen die Spenden, die wir  im Sommer gesammelt haben (oder die in Zukunft vielleicht von euch kommen 😊 ) überhaupt hin? Beispielsweise in den Tschad:  

Humanitäre Hilfe direkt vor Ort 

Im Nachbarland des Tschad, dem Sudan, herrscht Krieg zwischen verschiedenen regierenden Fraktionen. Durch die Kämpfe ist konkret auch die Zivilbevölkerung betroffen. Die betroffenen Menschen des Sudan fliehen seit Mitte April 2023, also seit Beginn des Krieges, in die angrenzenden Nachbarländer, vor allem in den östlichen Tschad. Der Tschad war selbst vor der Krise im Sudan mehreren humanitären Krisen ausgesetzt. Knappe Wasserversorgung, Mangelernährung und Krankheiten, wie Malaria, bereiteten den Menschen bereits Probleme. In der östlich gelegenen Grenzstadt Adré sind seit Beginn des Krieges 358.000 Flüchtlinge angekommen. Im Tschad herrscht eine enorme Überbelastung bezogen auf jegliche Ressourcen. Die meisten Menschen sind innerhalb des Sudan geflüchtet, während wahrscheinlich 1,1 Millionen Menschen in Nachbarländer geflohen sind. Der Großteil der Geflüchteten sind Frauen und Kinder, deren Häuser im Sudan zerstört wurden.  

«In den ersten drei Novembertagen haben wir mehr Menschen aus dem Sudan über die Grenze überqueren sehen als im gesamten Oktober: Es waren etwa 7.000 Personen», sagt Stephanie Hoffmann, Einsatzleiterin von Ärzte ohne Grenzen in Adré im Tschad. «Wir sahen Mütter und Kinder, die den Sudan verlassen mussten, ohne irgendetwas mitzunehmen, weil ihre Häuser zerstört worden waren.» 

«Vergangene Nacht wurde das Haus meiner Schwester bombardiert», erzählt Amne, 33, die mit ihren vier Kinder die Grenze überquert hat. «Ihr Haus stand gleich neben unserem. Wegen der Explosion fing unser Haus Feuer, und wir haben es sofort verlassen. Von meiner Schwester habe ich noch nichts gehört, ich weiß nicht, ob sie überlebt hat oder nicht.»  

Neben Menschen, die auf der Flucht sind, schließen sich auch solche an, die ein größeres Bedürfnis nach medizinischer Behandlung haben, da sie durch die Flucht Schussverletzungen erlitten haben oder an Malaria erkrankt sind. Mitte Juni hat das Krankenhaus Adré schon 850 Kriegsverletzte aufgenommen. Zur damaligen Zeit hatte sich die Bevölkerungszahl schon verdreifacht.  

Seit dieser humanitären Krise versucht Ärzte ohne Grenzen den Bedürftigen zu helfen. Es wurden 8.500 Patient:innen stationär behandelt, mehr als 7.100 Mangelernährte und ca. 32.000 an Malaria Erkrankte wurden versorgt. 1000 Geburten wurden begleitet und 16.300 chirurgische Eingriffe wurden durchgeführt. Bis zu 80% des Trinkwassers wurde von der Organisation für die Geflüchteten bereitgestellt. 

Jetzt, wo ihr die Vergangenheit und die Gegenwart der Ärzte ohne Grenzen erfahren habt, möchtet ihr Teil der Zukunft werden? 

https://www.aerzte-ohne-grenzen.at/spenden/spende-fuer-aerzte-ohne-grenzen?donation_custom_field_5757_fix=105579557&fb_item_id_fix=55768&mtm_campaign=Paid-FR-Search-Brand&mtm_kwd=%C3%84oG-Allgemein-(exact)&mtm_source=Google-Suche&mtm_medium=CPC&mtm_content=Search&mtm_cid&mtm_placement=Paid&gad_source=1&gclid=CjwKCAiAjfyqBhAsEiwA-UdzJNduPo6wD4jcZkyZVYIU4lDuDw09uV4OneOd499s5Oa9eL2hbZyIHhoCJIMQAvD_BwE

Dort könnt ihr euch informieren, aktiv werden und spenden! 

Nahuel

Nahuel

Redakteur