Eine Disney-Geschichte über suizidale Wühlmäuse 

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Von Misserfolg und Meilensteinen – Anekdoten der Wissenschaft II 

26. Mai 2024
Eine Disney-Geschichte über suizidale Wühlmäuse.
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von Nicolas Bauder

Der Tod im Tierreich ist getreu der Prämisse „Fressen oder gefressen werden“ meist nicht nur altersschwächebedingt. Schuld trägt die Nahrungskette, der tägliche Überlebenskampf von Fleisch- und Pflanzenfressern, von großen und kleinen Tieren. Die Nahrungskette bezeichnet ein definiertes Modell, das die linearen energetischen und stofflichen Beziehungen zwischen verschiedenen Arten von Lebewesen in einem Ökosystem darstellt. Häufig beginnt es mit einem autotrophen Organismus (Produzenten wie Gras oder Algen) und endet typischerweise bei einem Spitzenprädator (wie Grizzlybären oder Orcas), den Detritivoren (wie Regenwürmern und Asseln) oder den Zersetzern (wie Pilzen oder Bakterien). 

Weniger definiert ist dagegen der Ursprung der Prämisse „Fressen oder gefressen werden“: Mal soll es Jack London 1903 erstmalig gesagt haben (Ruf der Wildnis), mal soll es Erasmus Darwin um 1800 niedergeschrieben haben (Phytologia). Dieser Erasmus Darwin war übrigens Universalgelehrter. Er war Mediziner, Naturwissenschaftler, Erfinder, Dichter, Freimaurer und schrieb die ersten Fallberichte über das klinische Bild der Ödeme (bzw. „Wassersucht“). Außerdem hatte er sechzehn Kinder und vierzehn Enkelkinder. Eines seiner Enkelkinder war Charles Darwin, der selber zehn Kinder hatte. Die Bibel behauptet, jeder Mensch stammt von Adam und Eva ab. Für die englische Population könnte man behaupten, dass sie zu großen Teilen von einem Darwin abstammt. 

Erasmus Darwin war darüber hinaus auch der Opa von Francis Galton. Zur Info: Galtons Arbeiten bildeten die Grundlage des Hardy-Weinberg-Gesetzes, außerdem war er ein Pionier der Eugenik-Bewegung. Eugenik ist die Lehre, dass gute Erbanlagen die Gesellschaft voranbringen. Galton hatte selbst keine Kinder, aber seine Eugenik-Lehre wuchs später als adoptiertes Kind in den Köpfen deutscher Nationalsozialisten als fester Bestandteil ihrer Rassenideologie auf. 

Zurück zu Charles Darwin: 1859 veröffentlichte dieser sein Buch „Über die Entstehung der Arten“. Das galt schon deshalb als grundlegendes Werk der Evolutionsbiologie, weil es mehrere wichtige Paradigmen über das natürliche Ökosystem aufzeigte: 

(1) Jede Art hat genügend Nachkommen, sodass die Population wachsen würde, wenn alle Nachkommen überlebten.
(2) Trotzdem bleiben Populationen in etwa immer gleich groß.
(3) Das liegt daran, dass Ressourcen wie Nahrung begrenzt sind, weswegen es zum Kampf ums Überleben kommt. Selbst Lebewesen derselben Art bekämpfen sich, um sich die Quelle guter Ressourcen offenzuhalten.
 

Für viele Tierarten zählen auch die Weibchen zu den Ressourcen, und zwar wegen der Fortpflanzung. Bei den Schwarzen Witwen, Gottesanbeterinnen und Beutelmäusen ist das anders: Hier sind eher die männlichen Vertreter die Ressource. Nur dienen diese nach der Fortpflanzung auch als kannibalistischer Snack. 

Doch was ist, wenn versucht wird, dem Kampf ums Überleben aus dem Weg zu gehen? 

Charles Darwin

Charles Darwin
© Hulki Okan Tabak auf unsplash.com

Quasi exakt 100 Jahre nach Darwins Bruch der bis dato geläufigen biologischen Ansichten veröffentlichte das US-amerikanische Medienunternehmen Disney den Tierfilm „Weiße Wildnis“. Die Handlung des Films ist recht simpel: Das Leben von Tieren in der Arktis wird dargestellt. Damit sind Eisbären, Wölfe, Robben, Karibus (Rentiere) und Lemminge (Wühlmäuse) gemeint. Gedreht wurde in Alberta, Kanada. Die New York Times rezensierte den Film 1958 mit den Worten “Mr. Disney has assembled a fine, often fascinating color documentary on animal life in the North American Arctic”. Doch wie kann ein Tierfilm überhaupt faszinierend sein, wenn David Attenborough nicht als allwissender Erzähler auftritt und uns mit seinem Elan selbst das abwechslungslose Überleben von Plankton an der Hamburger Hafenbucht wie eine fesselnde Episode von Takeshis Castle verkauft? 

Die Antwort ist einfach: Wie einst Charles Darwin brach der Film mit bis dato geläufigen biologischen Ansichten und widersprach in einigen Punkten selbst dem hochgelobten Naturforscher. Das Stichwort: Suizid im Tierreich. 

In den Szenen der „Weißen Wildnis“ stürzen sich ganze Gruppen von Lemmingen hohe Klippen hinab und begehen Massensuizid. Diese Ursache wurde auf gänzlich selbstlose Ziele zurückgeführt: Die Population der Lemminge steigt innerhalb von wenigen Jahren auf ein Vielfaches an, da Weibchen durchschnittlich fünf Junge gebären und diese nach nur wenigen Monaten selbst geschlechtsreif sind. Zusammengefasst ergibt das eine absurd große Menge an Lemmingen, was auch erklärt, weshalb die Aussage „wie die Lemminge“ zu einer Metapher für jede Art von exzessivem Zustand wurde. Der Disney-Film lässt daraufhin verlauten, dass aufgrund der fast schon explosionsartigen Vermehrung sich regelmäßig größere Gruppen an Lemmingen opfern, indem sie sich zu tausenden ins Meer stürzen und dann freiwillig ertrinken. Mit diesem Suizid wollen sie ihre Population eigenmächtig kontrollieren und damit auch einer Verknappung an Nahrung entgehen. Sie sichern also mit ihrem Selbstmord den Fortbestand ihrer Art. 

Wahnsinn, oder? Altruistisch suizidale Wühlmäuse in Kanada. Das schockt. Kein Wunder also, dass dieser Film aus der Reihe der „True-Life Adventures“ von Disney im Jahr 1959 sowohl den Goldenen Bären für den besten Dokumentarfilm bei den Berliner Filmfestspielen als auch den Oscar (Academy Award) für den besten Dokumentarfilm erhielt. 

  1. Europäische Gottesanbeterin
    (Alvesgaspar, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons)
  2. Europäische Schwarze Witwe
    (CommonsSphoo, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons)
  3. Breitfuß-Beutelmaus
    (Catching The Eye, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons)
  4.  Brauner Lemming 
    (Robert McLeod, CC0, via Wikimedia) 

Der Film wurde übrigens in Alberta, Kanada gedreht. Ich weiß, das sagte ich schon. Allerdings fiel auch den Kanadiern in Alberta erst nach einiger Zeit die Tatsache ins Auge, dass es ja in Alberta gar keine Lemminge in freier Wildbahn gibt! Die Canadian Broadcasting Corporation untersuchte 1982 die Hintergründe der „Weißen Wildnis“ und stellte folgendes fest: Der Tierdokumentarfilm aus dem Hause Disney war vom Inhalt her so konfabuliert wie der Tieranimationsfilm Cap und Capper 1981.  

Die Lemming-Szene war zwar in der Nähe von Alberta gedreht worden, alle Lemminge hatten die Filmemacher allerdings dorthin importiert. Die Lemminge wurden dann auf Drehscheiben geschoben und wiederholt von einer Klippe ins Wasser gestoßen, um den Massensuizid zu suggerieren. Wollten die Tiere die Drehscheibe (verständlicherweise) nicht verlassen, kamen Hunde zum Einsatz, um die Lemminge in den Abgrund zu hetzen. Und falls das auch nichts brachte, warf man die Tiere mit der Hand von der Klippe. Das Wasser darunter war sehr kalt, weswegen die Lemminge – sehr gute Schwimmer – durch den Kälteschock allesamt erfroren und ertranken. Die Hunde werden im Film nicht gezeigt. 

Biologisch verhält es sich eigentlich komplett anders: Aufgrund der hohen Populationsdichte und zügigen Vermehrung werden die Ressourcen rasch knapp. Ein Teil der Lemminge muss deswegen die Population verlassen und sich auf die Suche nach einem neuen Lebensraum machen, wo genügend Futterquellen existieren. Gefahrquellen während der Wanderung umfassen Raubtiere wie Füchse und Hermeline, allerdings aber auch geografische Gefahrenquellen wie reißende Ströme oder tiefe Schluchten. Der Überlebensdrang der Lemminge ist jedoch sehr groß, weshalb auch einzelne Todesfälle in Kauf genommen werden, um an einen ressourcenreicheren Ort zu gelangen. Es handelt sich also nicht um Massensuizid – auch wenn Disney dies 1959 erfolgreich verlauten ließ – sondern vielmehr um die schlimmste Form von Tierquälerei. 

Interessanterweise war es für uns glaubhafter, dass Lemminge sich suizidieren, als die Tatsache, dass alles nur fingiert war. Psychologisch gesehen können markante Ereignisse, insbesondere schockierender Natur, eine starke emotionale Wirkung haben und lange im Gedächtnis bleiben. Nicht umsonst glauben wir heute noch immer – oder akzeptieren zumindest die Fantasie – dass Lemminge sich gern aufopferungsvoll selbstsuizidieren („Info“ dazu bei Nichtlustig / Joscha Sauer). 

Suizide gibt es in der Natur also nicht, denn jedes Lebewesen ist auf Überleben gepolt. Im Vergleich dazu sinniert der Mensch über Vergangenheit, Zukunft und Tod. Er plant und denkt vielschichtig nach. Er weist eine deutlich tiefgreifendere Kognition auf als Tiere. Denn er besitzt Zeithorizont. Der Mensch „versteht“ das Konstrukt der Suizidalität, während es Lemmingen und anderen Lebewesen nicht geläufig ist. Zeithorizont zu besitzen ist einer der wichtigsten Gründe, was uns menschlich macht und uns von anderen Tieren unterscheidet. 

Außerdem praktizieren manche Tiere wie Schwarze Witwen, Gottesanbeterinnen und Beutelmäuse Sexualkannibalismus. Das machen wir glaub ich auch nicht, aber korrigiert mich da bitte, wenn ihr andere Erfahrungen habt. 


Quellen: 


Zusätzliche Bemerkungen zu Francis Galton: Das Hardy-Weinberg-Gesetz besagt, dass in einer idealen Population ohne evolutionäre Kräfte die Allel- und Genotypfrequenzen von Generation zu Generation konstant bleiben. Das setzt voraus, dass weder Mutation, Selektion, genetischer Drift noch Migration stattfindet. Auch war die Eugenik selbstverständlich nicht nur in Deutschland verbreitet, sie war in vielen Ländern dieser Zeit gängige Praxis. Zum Beispiel wurden in den USA, Großbritannien oder Schweden eugenische Programme entwickelt, die u.a. Zwangssterilisationen zur „Verbesserung“ der menschlichen Erbanlagen beinhalteten. 

Nicolas Bauder

Nicolas Bauder

Redakteur