
Royal Brisbane and Women’s Hospital – BRISBANE (AUS)

Australien, das Land am anderen Ende der Welt. Jeder träumte schon mal in das Land der Koalas und Kängurus zu reisen. Als Medizinstudent bietet es sich gleich an, in einem weit entfernten Land zu famulieren und gleichzeitig das Land kennen zu lernen. Ich hatte das Glück, zwei gute Studienfreunde zu haben, die Halbaustralier sind. So dauerte es nicht lange, dass wir uns überlegten, einen Australientrip zu planen.
Die Planung begann schon gut 1 ½ Jahre vor der Reise. Die erste Überlegung war, wo wir famulieren wollten. Als erstes kam natürlich Sydney in Frage. Nur was man dabei als Europäer meistens nicht sofort bedenkt, sind die Jahreszeiten auf der Südhalbkugel. Bekanntlich ist dort Winter, wenn wir Sommer haben und umgekehrt. Wer kann sich nun vorstellen in Australien mitten im (europäischen) Sommer mit Kappe, Schal und dicker Winterjacke herum zu rennen? Wohl keiner!
Die meisten verbinden mit Australien lange weiße Sandstrände, klares türkises Meerwasser und das wilde, sandige, staubige Outback. Dem ist nicht so. So kann es in den südlicheren Regionen durchaus bis zu 0°C haben! So fielen Sydney und Melbourne, die größten und bekanntesten Städte, schon mal weg.
Wir begaben uns in etwas nördlichere und wärmere Gefilde. So fiel die Wahl auf Brisbane im Bundesstaat Queensland mit sonnigen, warmen 20-25°C. Brisbane liegt ca. 2000 km nördlich von Sydney, 70km entfernt vom legendären Surferparadis Goldcoast und hat ungefähr die Größe von Wien. Auch den Zeitpunkt der Famulatur sollte man bedacht wählen. Wir entschieden uns für den August, weil dann der Frühling beginnt und es wärmer wurde. Die Nächte können auch dann noch ziemlich frisch werden. Außerdem war dann unsere eigentliche Reise im September, wo es dann schon langsam in den Sommer reingeht.
Als nächstes mussten wir uns um eine Famulaturstelle kümmern. Um in Queensland famulieren zu können muss man sich über eine Agentur, die mit den Unikliniken zusammen hängen, bewerben. Über das Internet kann man sich ein Antragsformular downloaden. Dazu kommen noch ein Lebenslauf und ein Nachweis der bisher erbrachten Studienleistungen. Dieser Nachweis gestaltet sich so, dass man aufzählt, was man bisher alles gemacht hat und in welchem Semester du gerade bist.
Weiters nennt man noch drei mögliche Fachrichtungen in denen man famulieren möchte und die Region (hier: Brisbane, Goldcoast). Im Grunde genommen ist mit diesem Antrag die Administration erledigt. Einen Haken hat aber das ganze, man muss eine Bearbeitungsgebühr entrichten!
Als nächstes muss man sich für die dortige Arbeit im Krankenhaus versichern lassen. Für Studenten ist dies gratis und man kann sich online anmelden und bekommt auch eine Versichungskarte zugeschickt. Nach ca. zwei Monaten, mit viel nachfragen, wurde uns dann die Bestätigung über unseren Famulaturplatz zugeschickt. Die zwei australischen Brüder bekamen einen Platz im Gold Coast Hospital, direkt an der Küste. Ein dritter Studienfreund und ich bekamen einen Platz in den zwei größten Krankenhäusern Brisbanes. Einmal im Princess Alexandra Hospital und ich im Royal Brisbane and Women’s Hospital. Alle vier wurden in den jeweiligen Emergency Departments eingeteilt.
Anfangs waren wir etwas enttäuscht darüber, dass wir getrennt wurden. Aber es erwies sich später als Vorteil, weil wir alle später gezwungen wurden, Englisch zu sprechen. Per Mail musste man nur noch direkt am Krankenhaus seinen Platz bestätigen und dass man die Famulatur antreten wird. Somit war alles rund um die Famulatur erledigt.
Die nächste große Hürde war das finden einer Unterkunft. Bei Studentenheimen anzufragen ist sinnlos, da es erstens mitten im Semester ist und zweitens die Heime hohe Kautionen verlangen bzw. nur Unterkunft gewähren, wenn du mindestens 6 Monate bleibst. Glücklicherweise ist Australien auch bei Studenten anderer Länder hoch im Kurs. Die Studentenschaft an den Universitäten ist sehr multikulturell. Und so gibt es viele australische Familien die in so genannten Homestays den Studenten eine Unterkunft anbieten. Via Internet haben wir ein solches Homestay gefunden, in dem auch viele andere Studenten aus dem Ausland waren. Es gab Internet, Fernsehen und jeden Abend gab es ein gemeinsames Abendessen.
Bekannte Sehenswürdigkeiten gibt es in Brisbane eher nicht. Ansonsten ist Brisbane eine typische Stadt der Neuen Welt, modern und jung. Das öffentliche Verkehrsnetz ist gut ausgebaut und leicht überschaubar. Es gibt Busse, eine Schnellbahn und den Citycat (Schnellboote über den Brisbane River).
Ausgehmöglichkeiten gibt es in Brisbane genug. In Downtown gibt es viele Shoppingmalls, Foodhalls und angeschlossene Freizeitcenter. Für Sportbegeisterte gibt es einige Fussballclubs, deren Spiele immer sehr gut besucht sind. Für Sportfans ist es ein muss, einmal ein Rugbyspiel live im Stadion zu erleben.
Als letzte Hürde war es, als Ausländer ein Arbeitsvisum zu erlangen. Und dies erwies sich mitunter als schwierigstes Unterfangen. Bei der australischen Botschaft erfuhren wir, dass wir ein „Short-Term-Visa“ brauchten. Das war ein dreimonatiges Visum, das eine Arbeitserlaubnis beinhaltete. Um das zu bekommen, brauchten wir eine Gesundenuntersuchung und ein Thoraxröntgen. Das Problem dabei ist, dass man dies nur bei Ärzten machen kann, die von der australischen Botschaft dafür akkreditiert sind. Welche Ärzte wo sind erfährt man bei der Botschaft.
Der Befund wird dann vom Arzt versiegelt und abgestempelt, welches danach nicht mehr geöffnet werden darf. Es klingt kompliziert und ist leider auch so.

Brisbane Hafen. © pixabay
Nun zur Famulatur:
Wie schon erwähnt, wurde ich im Emergency Department eingeteilt. Notfallmedizin ist in den angelsächsischen Ländern ein eigenes Fach. Das heißt, jeder Patient, egal ob chirurgisch – traumatischer oder internistischer Fall, wird primär auf der Notfallstation erstversorgt und dann zu den jeweiligen Kliniken weitergeleitet. Dies bedeutet, dass man ein breites Spektrum an Fällen sieht. Von einfachen Halsschmerzen über Schnittwunden bis hin zum kardiologischen Notfall und traumatischen Unfallpatienten. Alle Ärzte, egal ob Assistenz- oder Stationsärzte, sind sehr hilfsbereit und erklären dir auch alles genau, trotz des oftmals stressigen Alltags. Bei interessanten Fällen haben sogar die Stationsärzte die Studenten aufgesucht.
Einmal in der Woche gab es eine Art POL für alle Ärzte und Studenten, welches von einem Assistenzarzt vorgetragen wurde. Auch dem Chef des Departments war es nicht zu stressig, alle Studenten in sein Büro zu holen, um über kardiologische Notfälle zu diskutieren. Das Aufgabenfeld der Famulatur gestaltete sich von der Aufnahme, Anamnese bis hin zur Behandlung. Je nach dem wie viel man Initiative und Interesse zeigte, konnte man fast alles machen. Die Patienten in der Notaufnahme werden alle in einer Triage von 1-5 eingeteilt (1 = hohe Priorität). Alle Patienten ab 3 kann man problemlos selbst aufnehmen und behandeln, aber immer unter Aufsicht eines Arztes.
Bei Unklarheiten waren die Ärzte alle sehr hilfsbereit und diskutierten mit dir auftretende Probleme. Das Anamnesegespräch erwies sich anfangs als etwas schwierig. Aber jeder Patient hatte einen Anamnesebogen, auf dem von den Schwestern schon kurz eine Krankengeschichte beschrieben ist. Dann konnte man Punkt für Punkt durcharbeiten. Es ist hilfreich, wenn man sich vorher schon ein kleines Medical Dictionary zulegt, wo die wichtigsten Fachwörter und Anamnesepunkte aufgelistet sind.
Als schwierig erwies sich oft die unterschiedliche verbale australische Ausdrucksweise mancher Fachwörter. Es kam nicht selten vor, dass ich mir von den Ärzten das Wort aufschreiben lies und ich erst dann verstand, was er damit meinte. Die medizinischen Fachwörter werden zwar gleich geschrieben, aber oft sehr anders ausgesprochen. Auch die Dokumentation der Krankengeschichte bereitete mir manchmal Schwierigkeiten. Auch wenn man Englisch beherrscht, ist es manchmal nicht leicht, die richtigen Wörter zu finden, vor allem wenn es sich um Fachvokabular handelt. Desweiteren umfasste die Arbeit Blutabnehmen, venöse Leitungen legen, Gipsen, Wundversorgung und das Nähen kleinerer Lazerationen. Bei interessanten Fällen begleitete ich die Ärzte oder ich arbeitete mit anderen australischen Medizinstudenten zusammen.
Schlussendlich ging es mir mehr darum, Erfahrungen in einem englischsprachigen Land zu sammeln. Das Arbeitsklima und die Arbeitsweise ist eine völlig andere als im deutschsprachigen Raum. Allein der Umstand, dass im Englischen das „Sie“ als Höflichkeitsform nicht existiert, macht das ganze Klima viel lockerer. Die Ärzte, egal welchen Ranges, sind sehr bemüht, den Studenten Wissen zu vermitteln und zeigten auch sehr viel Geduld bei Behandlungen.
Nun noch ein paar Worte zum dortigen Studiumsystem: Um in Australien Medizin studieren zu können, braucht man ein „Degree„.
Das Medizinstudium dauert in Australien fünf Jahre, wobei das letzte Jahr so ähnlich wie das KPJ in Österreich ist. Es gibt viel weniger Studenten als in Österreich. Die Lehre scheint einen Ticken besser zu sein, aber das Prestige eines Universitätsprofessors ist bei weiten nicht so hoch wie eines Professoren in Europa. Fast jeder fertige Arzt strebt den Gang in eine Privatpraxis oder -klinik an.
Die Verdienstmöglichkeiten sind bei weiten höher, als an einer Uniklinik oder einem öffentlichen Krankenhaus, da es keine Privatkonzessionen gibt. Ansonsten Plagen die Medizinstudenten natürlich dieselben Sorgen und Ängste wie hier zu Lande.
Nach vier Wochen war die ganze Famulatur für mich beendet. Im Großen und Ganzem war alles eine sehr positive Erfahrung, einen kleinen Einblick auf die Arbeitsweise in der Medizin in einem fremden Land zu erlangen. Nebenbei konnte ich das Land ein bisschen kennenlernen. Von Brisbane ging es in den Norden nach Cairns, in die Regenwaldregion Australiens. Danach nach Sydney und in die Hauptstadt Canberra. Die Leute sind nett, die Landschaft und Natur ist mitunter sehr eindrucksvoll schön, Sydney hält was es verspricht, Ausgehmöglichkeiten gibt es genug 😉 und gibt viele Möglichkeiten etwas zu erleben wie z.B. Raftingtouren im Regenwald, Tauchtrips zum Great Barrier Riff, Whalewatching, Funparks und vieles mehr. Australien ist auf jeden Fall eine Reise wert. Es war ein einmaliges Erlebnis das ich mit guten Freunden erleben konnte!

Nachts in Brisbane © pixabay

Gerald Schusser
(Beitrag vom 11/2008)